Gewaltvolle Tierquälerei in Tauberbischofsheimer »McDonald’s Schlachthof«

Main-Tauber-Kreis

Tauberbischofsheim. Die Anschuldigungen wiegen schwer. Am Mittwoch ließ die Tierschutzorganisation »SOKO Tierschutz« aus Augsburg im wahrsten Sinne des Wortes die Bombe platzen. Nach intensiven Recherchen und eingeschleusten versteckten Kameras in den Schlachthof in Tauberbischofsheim, brachte diese abscheuliche Taten im Umgang mit zu schlachtenden Tieren ans Licht.

Tierschutzorganisation deckt gewaltvolle Tierquälerei in Tauberbischofsheim auf

Hiernach seien Tiere vor der Schlachtung nicht ausreichend betäubt worden, nicht zugelassene Geräte eingesetzt worden und vor der Betäubung der Schlachttiere mehrfach massive und unnötige Gewalt angewendet worden.

Im Detail haben sich täglich folgende Szenen abgespielt:

  • tägliche Misshandlung durch Elektroschocker
  • bis zu 170 Stromstöße innerhalb weniger Minuten, selbst in das Gesicht und After
  • beidhändiger Elektroschocker-Einsatz & Ziehen am Schwanz
  • Rinder bei Bewusstsein aufgeschlitzt
  • Rinder reagieren und zeigen Reaktionen auf Einstiche – Tierarzt anwesend
  • ein verletztes, laufunfähiges Tier wurde ebenfalls elektrogeschockt und geschlagen
  • nicht richtig betäubte Tiere die bereits an den Schlachthaken hingen, bäumten sich auf und kämpften verzweifelt
  • Rind bricht in Box für Betäubungen zusammen
  • Rind wird mit Stiefel im Gesicht fixiert, Mitarbeiter stellt sich mit Stiefel auf das Gesicht
  • Rind wacht aus Betäubung wieder auf

Das alles wurde durch die von »SOKO Tierschutz« versteckten Kameras dokumentiert. Amtliche Tierärzte und behördliche Mitarbeiter des Veterinäramtes des Landratsamtes Main-Tauber-Kreis standen teilweise daneben und sahen tatenlos zu.

Strafanzeigen durch McDonald’s und Tierschutzorganisation gegen Schlachthof und Veterinäramt

Wie Pressesprecher Philipp Wachholz von McDonald’s Deutschland LCC auf Nachfrage mitteilte, „seien diese gravierenden Verfehlungen für uns nicht akzeptabel. Diesbezüglich haben wir den Bezug des Fleisches vom besagtem Schlachthof unmittelbar nach Kenntnis der Vorwürfe bis auf Weiteres einstellen lassen und unseren Vertragspartner, die OSI Food Solutions, bereits aufgefordert, die erhobenen Vorwürfe schnell und intensiv zu überprüfen und nachhaltig jegliche Verfehlungen abzustellen. Angesichts der Schwere der behaupteten Verstöße haben wir bei der zuständigen Staatsanwaltschaft eine entsprechende Strafanzeige gestellt.“

Für die Tierschutzorganisation ein blanker Hohn. „Die aktuelle Strafanzeige von McDonald’s ist ein billiges Ablenkungsmanöver und soll über das Totalversagen hinwegtäuschen“, kritisiert Friedrich Mülln, der die Zustände aufdeckte.

Die Anzeigen richten sich gegen die Verantwortlichen und Mitarbeiter der Firma, die den Schlachthof betreibt und gegen das zuständige Veterinäramt des Landratsamtes Main-Tauber-Kreis, so Staatsanwalt Florian in einem Gespräch mit uns.

Landratsamt Main-Tauber-Kreis prüft disziplinarische und arbeitsrechtliche Verfehlungen

Wie Markus Moll, Pressesprecher des Landratsamtes auf Nachfrage mitteilte, ging am Samstag, den 10. Februar 2018 ein Schreiben des Fernsehmagazins »stern TV« ein. Laut dem Schreiben der Produktionsfirma lassen sich massive Verstöße gegen die Tierschutz-Schlachtverordnung erkennen. Bis zum heutigen Sonntag lagen dem Landratsamt jedoch keine Videoaufnahmen vor.

Dennoch prüft das Landratsamt bezüglicher möglicher Verfehlungen unter der Beobachtung eines amtlichen Veterinärs oder sonstigen Behördenpersonals disziplinarische und arbeitsrechtliche Maßnahmen.

Sofortige Schließung durch das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz

In enger Abstimmung mit dem baden-württembergischen Minister Peter Hauk vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR), hat das Veterinäramt am Mittwochmorgen mit sofortiger Wirkung die Schlachtung im Schlachthof »Hynek« in Tauberbischofsheim untersagt. Noch am Mittwoch ankommende Tiere durften nicht mehr angenommen und geschlachtet werden. Das Verbot bleibt weiterhin bestehen, bis ein vom Betreiberunternehmen erstellter Maßnahmenkatalog zur konsequenten Einhaltung aller Erfordernissen des Tierschutzes vorgelegt und umgesetzt wird.

Der Schlachthof und OSI – wöchentlich werden 800 bis 1200 Tiere geschlachtet

Alteingesessene Bürger kennen den Schlachthof lange. Lange Zeit unter städtischer Hand erwarb 1993 »Hynek« den Schlachthof als Rinderschlachtbetrieb. Die wöchentlichen Schlachtzahlen belaufen sich seither auf 800 – 1200 Stück Großvieh. Rund 50 Mitarbeiter zählt der Betrieb. Der Betrieb ist bio-zertifiziert. 30% des gesamten Schlachtvolumens geht an McDonald’s, die restlichen 70% an andere Abnehmer, wie die Großkonzerne Tönnies und Westfleisch.

Rückwirkend zum 01.02.2017 sicherte sich die im bayrischen Günzburg ansässige OSI Europe Foodworks sämtliche Anteile des familiär geführten Unternehmens Hynek Schlachthof GmbH aus Tauberbischofsheim. OSI beliefert weitere Systemgastronomie-Betriebe wie Kentucky Fried Chicken, Taco Bell und Pizza Hut.

Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei durchsuchen Schlachthof nach Beweismaterial

Reges Treiben herrschte am Donnerstag rund um den Schlachthof »Hynek« in Tauberbischofsheim. Die Kriminalpolizei Heilbronn hat hierzu eine eigene Ermittlungsgruppe gegründet. Mehrere Streifenwagenbesatzungen standen zum Schutz der betroffenen Mitarbeiter und eingesetzten Ermittler rund um den Schlachthof. Zusätzlich patrouillierte ein Sicherheitsdienst auf dem Gelände des Schlachthofes und Veterinäramt.

Mehr als 20 Beamte der Schutz- und Kriminalpolizei Tauberbischofsheim durchsuchten den Schlachthof. Angeordnet wurde die Durchsuchung auf Antrag der Staatsanwaltschaft Mosbach von einem Richter des Amtsgerichts Mosbach.

Anlass des von Amtswegen eingeleiteten Ermittlungsverfahrens waren Medienberichte vom 14.02.2018 (Fernsehmagazin »stern TV«) sowie Anzeigen des Vereins »SOKO Tierschutz« aus Augsburg und der Fastfoodkette McDonald’s wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz.

Bei der mehrstündigen Durchsuchungsmaßnahme wurde umfangreiches Beweismaterial sichergestellt, dessen Auswertung längere Zeit in Anspruch nehmen wird.


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Foto: René Engmann